Albrecht Thausing, Manfred Oberegger – Die Wilden aus den Ostalpen

Vorab: zunächst nur als Text ein Interview, Bilder kommen noch. Habe aktuell mit www.derkontext.com genug zu tun 😉 .

Manfred und Albrecht treffe ich in Manfreds Haus, das sehr idyllisch bei Salzburg auf einem Hügel liegt. Wir sitzen zusammen in der Küche um einen Tisch herum und trinken Kaffee. Gleich zu Beginn stellt sich eine sehr freundliche, herzliche Stimmung ein. Die beiden sind sehr offen und fragen mich zunächst auf sympathische Art aus wer ich bin, wieso ich die beiden treffen will. Es entwickelt sich ein angenehmes Gespräch bei dem sich Manfred und Albrecht gegenseitig die Bälle zuspielen, einander immer wieder an die Zeiten damals erinnern und eine Anekdote nach der anderen erzählen. Trotzdem bleiben sie stets bei meinen Fragen und antworten zwar ausgeschmückt jedoch konkret. Beide sind lustig, erzählen Witze, lachen viel und haben offensichtlich Spaß. Sie zeigen mir Fotoalben in denen ihre zahlreichen Abenteuer, die neben dem Steilwandskifahren noch Klettertouren und auch Expeditionen in hohe Berge beinhalten, verewigt sind. Inzwischen sind die beiden als ältere aktive Herren zu bezeichnen, Manfred ist zum Zeitpunkt des Gesprächs 69, Albrecht noch nicht ganz 65. Manfred ist mit über 180cm relativ groß, weder spindeldürr noch dicklich und man merkt ihm an, dass er Kraft hat. Seine Begeisterung für jede Form des Skifahrens zeigt sich sofort, er schwärmt von seinen neuen Ski, von Tiefschnee, von Touren und von anderen Skifahrern. Er ist stets witzig, sehr lebensfroh und nie um eine freche Antwort verlegen. Albrecht, etwa 175cm groß, ist dagegen dünn. Er hat kein Gramm Fett am Körper. Von der Art her ist er ruhiger als Manfred, dabei sehr warmherzig und überlegt. Seine Augen strahlen stets eine natürliche Freundlichkeit aus. Albrecht redet langsamer und gestikuliert auch weniger als Manfred, der gerne mit den Händen seine Reden unterstützt. Bei den beiden hat man das Gefühl wie ein Freund aufgenommen zu werden, sie verheimlichen nichts, lästern nicht, sind guter Stimmung und freuen sich über das Gespräch.


Nachruf Manfred Oberegger:

Am 28.03.2013 verstarb Manfred Oberegger durch eine Lawine in den südlichen Niederen Tauern. Noch mit 70 Jahren war er viel auf Skitouren und auch als „Freerider“ in den Skigebieten rund um Salzburg unterwegs – immer mit dem neuesten Material und bester Stimmung. Zweifellos hatte er zahlreiche Freunde und war der jungen Generation Bergsteigern fast schon eine lebende Legende, von der mit einer gehörigen Portion Respekt sowie mit viel Sympathie gesprochen wurde.

Dem Author gegenüber war Manfred überaus hilfsbereit, aufgeschlossen und herzlich. Wir lachten miteinander, sinnierten am Telefon darüber wie es in den alten Zeiten wohl tatsächlich war, schrieben Emails hin und her um Einzelheiten sowie Fakten zu klären und in jeder Minute dieses Austauschs spürte man seine lebensfrohe Natur. Stets hatte er einen Scherz in Petto. Keine flachen Kalauer sondern reflektierte und ehrliche Lacher.

Albrecht Thausing antwortete auf meine Kondolenz mit den Worten:

„Es war eine sehr stimmungsvolle Verabschiedung mit unzähligen Freunden.

Erhard, einer seiner besten Freunde, hat eine Rede gehalten die trotz der großen Traurigkeit mitunter ein Lachen in die Gesichter gezaubert hat – sicherlich ganz im Sinne von Manfred.“


 

B: Wie, wo habt ihr mit dem Skifahren begonnen?

ALBRECHT: Skifahren habe ich auf Holzski gelernt, ohne Kanten natürlich, die kamen erst später. Mit Bienenwachs wurden sie sehr schnell und das riecht auch so gut. Das muss man erlebt haben! Das war noch in der Steiermark wo ich ursprünglich her komme.

 

MANFRED: Bei mir war all das in Salzburg, hier komme ich her. Wir hatten da so einen schwarzen Baatz (Dialekt für klebrige weiche Masse), „Hofer Blitz“ hieß der. Darunter den „Glockner Grundlack“, ein roter Grundierungslack der auf das Holz aufgetragen wurde. Den hat man ab und an angeschliffen und neu aufgepinselt, darüber wie gesagt das „Hofer Blitz“. Es war das einzige Wachs das es damals bei uns gab.

 

ALBRECHT: Bei uns in der Steiermark gab es viele Bauern und wir hatten halt Bienenwachs. Das ging perfekt wenn man es gut und lange aufgebügelt hat – hat aber nicht lange gehalten.

 

MANFRED: Nach dem Krieg haben wir am Mönchsberg hier in Salzburg unsere ersten Skiversuche gestartet, da gab es noch starke Winter. Natürlich waren wir auch am Gaisberg, den sind wir hinaufgelaufen, Lifte gab es nicht. Da steht lustiger Weise jetzt noch ein Schild: Skilift, den gibt es aber nicht mehr.

Die treibende Kraft im Bezug auf den Alpinsport war bei uns Kurt Lapuch, er ist leider 1999 in der Göll Westwand tödlich abgestürzt. Der Kurt war sehr aktiv und wir beide waren sehr viel mit ihm unterwegs. Klettern, Westalpentouren und auch Skitouren. Er war der kreative Geist was die Steilwandabfahrten angeht und kam mit Vorschlägen wie: „da am Sonnblick, da wüsste ich was, das machen wir!“ und dann haben wir das gemacht. 1968 war das – ‘67 hatte ich noch ein gebrochenes Bein. Es ging gut, wir waren begeistert. Wie ein Pingpong Ball schossen dann die Ideen hin und her was alles möglich wäre, wer dann darauf kam die Wiesbachhorn Nordwestwand zu fahren weiß ich nicht mehr. Die ging auch gut.

Kurt hat das dann gerne publiziert. Uns hat es natürlich auch gefallen; wenn man seinen eigenen Namen in der Zeitung gelesen hat war das schon schön. Die Frau vom Kurt hatte Fotos am Fuscherkarkopf gemacht damit Kurt sie veröffentlichen konnte. Aber die durfte ich niemandem zeigen. Sie hatte sie im falschen Winkel aufgenommen, sie hätte sie „übersteilt“ schießen sollen, aber sie hatte sie normal in der Wand geschossen und so sah alles sehr normal und unspäktakulär aus. Wir waren gegenüber den Veröffentlichungen etwas ambivalent, denn eigentlich hat sich das irgendwie „nicht gehört“. Wir hatten den ethischen Anspruch nicht so dick aufzutragen, ganz im Gegensatz zu Kurt der oft ordentlich Gas gegeben hat. Prompt kam auch ein Anruf vom ORF für einen Film: Ski Extrem – Sonnblick Nordwand – ob wir noch mal fahren würden. Das haben wir gemacht.

Dann ging es mit Filmteam auf Tour. Damals hatten wir die Lusser Bindungen. Die waren furchtbar da man bei voller Fahrt aus der Bindung geflogen ist. Sie hatten einen schlechten Ruf und wir mussten sie mit Draht fixiert. Kurt ist aber trotzdem bei dieser Befahrung am Sonnblick gestürzt da die Bindung aufging. Er flog bis ganz hinunter und brach sich glücklicherweise nur ein Bein. Das war dann quasi der Grundstein für die weiteren Befahrungen von uns beiden, Albrecht und mir.

 

ALBRECHT: Als nächstes ist dann der Manfred auf die Pallavicini Rinne am Großglockner gekommen. In den Medien schrieben sie davon, dass ein Schweizer kommen würde um die Pallavicini Rinne zu befahren. Das war natürlich Sylvain Saudan.

MANFRED: Der Saudan war einer der Gründer, noch vor dem Holzer, er war schon irgendwo unser Idol, zu dem haben wir damals aufgeschaut.

 

ALBRECHT: Aber wir dachten uns: „Ja sackradi, der braucht ja net extra von Frankreich da her fahren, wir hams ja viel näher!“

 

MANFRED: Fairerweise muss man auch sagen, dass vor uns schon zwei mit Firngleitern abgefahren sind. Anfang der 60er.

 

ALBRECHT: Herbert Zacharias und Gerhard Winter.

 

MANFRED: Anschließend wollten wir dann die Nordostwand am Piz Rosegg fahren und waren auch schon dort um alles auszukundschaften. Kurz darauf ist der Holzer aber genau da tödlich verunglückt und wir entschieden uns dagegen.

Vor all dem war aber noch die Monte Rosa Ostwand dran. Der Kurt und ich sind die gefahren. Eine tolle Abfahrt, wir hatte einiges Glück. Er ist über eine Spalte gesprungen und irgendwie ist er gestrauchelt und gefallen; es hat ihn umgedreht und er ist rückwärts kopfüber den Hang hinunter gerutscht. Nicht in einem Höllentempo aber schon zügig. Ich bin hinterher, um ihn herum, und konnte ihn aufhalten. Wir hatten das trainiert, auch Purzelbäume, Salti, Überschlagen und so weiter. Weil wir das so eingeübt hatten fühlten wir uns recht sicher. Vom Tal aus haben sie uns mit Feldstechern beobachtet und dann später auch aufgeregt gefragt welcher von uns beiden gestürzt ist.

Unten haben wir sogar Autogramme gegeben und die Musik hat uns empfangen. Die Leute im Ort waren fantastisch, wir wurden dorthin auch immer wieder mal eingeladen. Wir waren schon stolz auf unsere Leistung.

Fünf Minuten nach unserer Abfahrt kam eine Lawine runter, ein riesen Ding. Ein Bergführer von dort wiederholte ständig: „Danket Gott, Danket Gott.“ Es hat schon ziemlich gekracht und gescheppert.

Nur eine Woche zuvor war Sylvain Saudan das Marinelli Couloir gefahren.

Nachdem am Monte Rosa alles vorbei war habe ich mich gefragt, ob das alles verantwortlich sei. Ich hatte eine kleine Tochter von fünf Monaten und stellte mir die Sinnfrage. Plötzlich war ich überhaupt nicht mehr so stolz. Einerseits war da natürlich schon der Drang und die Begeisterung für solche Unternehmungen da wir ja wussten, dass wir es können, ein gewisser Geltungsdrang auch, das muss ich schon zugegeben und verniedlichen will ich es auch nicht, aber auf der anderen Seite dachte ich mir, dass die Tatsache es für meinen Geltungsdrang zu tun nicht gut wäre und habe daher für mich beschlossen nichts mehr öffentlich zu machen.

 

ALBRECHT: Ja, wir haben das damals diskutiert und es so beschlossen. Allerdings schickten wir die Befahrung der Pallavicini-Rinne dann doch an den Toni Hiebeler vom Alpinismus damit zumindest in Fachkreisen bekannt wird was geschehen ist, dokumentarisch sozusagen. Er hat es auch veröffentlicht.

 

MANFRED: Ähnlich geht es mir mit diesem Film über die Skiabfahrt vom Mount St. Elias. Das sind tolle Aufnahmen, ein schöner Film und die Bergsportler sind sicher sehr gut, aber die Aussage, dass man sich selbst nur spürt wenn man im Grenzbereich unterwegs ist, die kann ich nicht unterschreiben. Die Antwort auf die Frage ob man so etwas braucht um sich am Leben zu fühlen ist meiner Ansicht nach nicht schwarz/weiß. Wenn jemand es machen will, dann kann diesen sowieso niemand bremsen. Aber dies alles sozusagen als Droge zu nehmen damit das Leben nah ist halte ich für kontraproduktiv. Deshalb hat es mir bei dem Film auch teilweise den Magen etwas umgedreht.

 

ALBRECHT: Zudem sahen wir auch, dass es wirklich gefährlich war. Am Sonnblick sind kurz nach uns zwei verunglückt und in der Pallavicini-Rinne ebenfalls, Eisgeher allerdings. Deshalb haben wir jedenfalls bei der Befahrung der Pallatsch (Idiom für Pallavicini-Rinne) nichts in die Zeitungen gebracht. Natürlich ist das verschweigen dann auch keine wahrhaftige Strategie da es uns ja doch gefallen hat.

 

MANFRED: Einmal abrutschen und Du bist im Himmel … Unsere Einstellung war, dass wir auf gar keinen Fall stürzen durften. Ein Sturz ist verboten – zum Glück hatten wir vorgesorgt. Aber man darf sich da keine Illusionen machen.

 

ALBRECHT: Die Göll Ostwand war quasi unsere erste gemeinsame Probetour. Oben an der Einfahrt war es wirklich pickelhart, wir standen ausschließlich auf den Skikanten, kein Einsinken der Ski. Das war technisch sehr schwer. Man muss richtig sicher fahren können. Skitechnisch war ich nie so gut wie der Manfred, ich war dann eher der Kamikaze Fahrer da ich ihm ja irgendwie hinterher kommen musste. Aber wenn es steil ist muss man nicht schnell fahren, sondern sicher, da hat das dann auch wieder gepasst.

 

MANFRED: Ja die Göll Ostwand, das war hart. Rattertrrrrrrbrrrrrrrrrr, da hats gerattert, dass einem die Plomben aus den Zähnen gefallen sind. Da waren wir die Pallatsch runter gefahren und dachten, da können wir ja locker runter ziehen – aber denkste. Ich bin sie ja inzwischen schon oft gefahren und so schwer ist sie nicht, oben ist es halt kurz steil. Aber dieses eine mal, huiuiui.

 

ALBRECHT: In der Pallavicini Rinne haben wir das ja auch gesehen. Oben, wo es noch steil ist, war es sehr hart, dann in der Mitte war es traumhaft zu fahren und unten hatten wir dann eine Harschschicht durch die man nicht mehr durchgebrochen ist. Dort war es dann wieder schwer zu fahren. Man musste bei jedem Schwung springen um durch den Deckel zu brechen und guten Stand zu haben.

 

MANFRED: Elendig. Es gibt ja Bruchharsch den man fahren kann weil er berechenbar ist, aber so einer, der mal bricht und mal nicht, das ist sehr anstrengend.

 

ALBRECHT: Immer tschak, tschak, tschak. Immer hüpfen, dann ging es schon.

 

MANFRED: Haha, ja, und dann greift man immer mit der Hand an den Schnee, streift mit dem Handschuh, als könne man sich da irgendwie halten. Das machen alle so aber es bringt gar nix.

 

B: Wie steil kann man fahren?

MANFRED: Schwer zu sagen. Bei der Wiesbachhorn Nordwestwand ist mir aufgefallen, dass man mit nur einem Schwung ganz schnell mal gut und gerne fünf Meter weiter unten steht.  Da kommt man dann sehr schnell so richtig weit runter. Das ist ja auch gut so, da man auch die Fahrt bremst. Man carved ja nicht, man rutscht viel seitlich ab um das Tempo unter Kontrolle zu halten. Aber das ist ein tolle Gefühl, das macht schon auch ein bisschen süchtig.

 

ALBRECHT: Hm, ich weiß auch nicht, vermutlich kann man wirklich sehr steil fahren wenn alle Begleitumstände egal sind.

 

MANFRED: Genau, aber wenn man nicht stürzen darf, dann sieht die Sache schon ganz anders aus.

 

ALBRECHT: Aber es hört dann schon auch schnell auf, wenn man in der Wand steht und das Knie schon bis unter die Brust reicht, dann ist es irgendwann körperlich kaum noch möglich stabil zu stehen.

 

MANFRED: Die Grenze wird da schnell enger. Aber eins ist auch klar, je steiler es ist, sofern ich keine Angst haben brauche, desto leichter löse ich meinen Schwung aus. Nur kurz anstellen und rum, da braucht man fast nicht mehr abstoßen und schon bin ich ein gutes Stück tiefer.

 

B: Wie habt Ihr Euch vorbereitet?

MANFRED: Am Monte Rosa war ich drei Mal bevor es geklappt hat. Dann sind wir hoch geflogen. Der Dr. Junge von Kästle hat uns gesponsert. Mit einer Cessna sind wir von Hohenems nach Sion geflogen, mit einer Pilatus hinauf, unter dem Balmenhorn hindurch, zur Margherita, ausgestiegen. Da waren dann zwei aus dem Flugzeug schon totkrank. Die waren so höhenkrank dass sie kaum noch stehen konnten. Wir waren die Höhe natürlich gewohnt, blieben oben und fuhren Tags drauf ab. Aber drei Versuche waren notwendig.

 

ALBRECHT: Die Pallavicini hat dagegen sofort funktioniert. So wie das meiste. Wir kannten die Verhältnisse und die Routen, wir wussten also was wir taten. Eine spezielle Steilwandvorbereitung hatten wir bis auf das Sturztraining nicht.

 

B: Worin lag das Erlebnis bei Euch?

 

MANFRED: Die Abfahrt. Die war für mich immer das Wichtigste!

 

ALBRECHT: Das sehe ich etwas anders, für mich war die Zeit davor immer der absolute Wahnsinn. Ich bin auch viel weniger gefahren als der Manfred, normale Skitouren zwar, aber das kann man ja überhaupt nicht vergleichen. Und das Aufsteigen zum Gipfel war für mich persönlich das Allerschlimmste. Da hab ich mich so richtig gefürchtet. Wir sind ja viele schwere Klettertouren gegangen, aber da hab ich mich niemals so sehr gefürchtet. Gerade die Pallavicini-Rinne ist in meinem Kopf immer steiler und immer steiler geworden. Bis ich es für unmöglich gehalten habe. Dann sind wir vom Kleinglockner über die Scharte rüber und da konnte ich das erst mal hinunter schauen. In dem Moment ist mir ein richtig großer Stein vom Herzen gefallen und ich dachte mir: „Hah, wegen der habe ich mich so gefürchtet!? Na also, das wird gehen, das passt!“ Deswegen war für mich die Zeit davor auch so eindrucksvoll. Das Fahren selbst war dann natürlich super, nach dem ersten Schwung ging es immer.

 

B: Seid Ihr durch die Rinne aufgestiegen oder außen herum?

 

ALBRECHT: Meist über den Normalweg hoch.

 

MANFRED: Ja, auch am Monte Rosa. Da durch die Wand zu gehen ist ja Blödsinn da man zwei Tage unterwegs ist. Wir haben einfach auf der Margherita Hütte übernachtet und gingen morgens hinüber, haben oben gewartet bis es aufgefirnt hatte und sind dann abgefahren. Aber wir haben vorher schon viel erkundet, haben die Route genau angeschaut. Die Vorbereitung ist schon auch eine tolle Zeit. „Energie und aufgeregt“, das ist richtig gut. Aber das ist ja bei jeder größeren Sache so.

 

ALBRECHT: Richtig, von der ersten Idee bis es soweit ist, bis es stimmt.

 

MANFRED: Ja, die Vorbereitung. Das war ja damals ganz anders als heute. Ganz ohne Computer, Wetterberichte und so. Natürlich hatten wir schon auch eine Art Netzwerk in dem wir nach den Bedingungen gefragt haben, aber mit heute ist das gar nicht zu vergleichen.

 

B: Welche Ausrüstung hattet ihr?

 

ALBRECHT: Das war die Zeit der Kurzski. Vorher waren die ganz langen Skier mit weit über 2m angesagt, dann die kurzen als Tourenski. Meine waren 175cm.

 

MANFRED: Meine hatten 180cm. Das waren tadellose Ski, von Kästle!

 

ALBRECHT: Als Bindung so alte Backenbindungen mit einem Tiefzug und so Kabelzügen die durch einen Hebel gespannt wurden. Eine Feder sorgte für die „Sicherheit“. Um sie zu blockieren haben wir sie mit Draht blockiert damit sie garantiert nicht auf geht. Wenn man stürzt kann man auch gleich mit den Ski abstürzen, das macht dann keinen Unterschied mehr.

 

MANFRED: Dazu hatte ich dann einen Kastinger Plastikschuh. Die ersten Plastikschuhe die es überhaupt gab. Allerdings war die Firma ihrer Zeit mit den Schuhen weit voraus. Mir war der Schuh aber eigentlich zu gerade, also die Vorlage reichte mir nicht aus und ich habe ihn mir so modifiziert, dass ich meine Vorlage fahren konnte. Daraus habe ich dann auch ein Patent entwickelt mit dem man den Schaft nach vorne neigen konnte und dann fixierte. Der Kastinger Senior hat mir das Patent auch abgekauft, aber ich weiß nicht ob das jemals weiter verwendet wurde.

 

ALBRECHT: Bei meinen Schuhen konnte ich mir die Vorlage beliebig aussuchen: ich hatte noch alte Lederpatschen, nicht einmal besonders hohe zudem und auch noch wirklich alt und ausgelatscht. Zum Schnüren! Aber ich war keine anderen gewohnt, also ging es schon.

 

MANFRED: Wir sind mit dem gefahren was wir hatten und haben mehr auf unsere Fähigkeiten als auf das Material vertraut. Der Albrecht war ein unglaublicher Bergläufer und Langläufer. Geierlauf, Wildsaurennen … alles gewonnen. Mit Zeiten die auch heute noch super sind.

 

ALBRECHT: Entscheidend ist halt immer, dass man wirklich genug Kondition hat. Mir hat das viel Spaß gemacht und ich habe viel trainiert, ich trainiere bis heute.

 

MANFRED: 1982, da haben wir 6700 Höhenmeter gemacht und oben auf dem Hocheck waren wir mit Stirnlampen, sind abgefahren und uns kam einer um vier Uhr früh entgegen. Dem sagten wir dann: „spät bist dran heut, spät bist du dran!“ Der hat uns angeschaut, dem sind die Augen aus dem Kopf gefallen.

 

ALBRECHT: Der Manfred geht viel zum Mountainbiken, da erlebt man auch kuriose Geschichten.

 

MANFRED: Vor ein paar Jahren war ich mit dem Fahrrad auf der Schlenkenrunde und traf eine Linzer Partie, auch so etwas ältere Herren wie wir, die sich lustig unterhielten. Wir setzten uns dazu, tranken etwas gemeinsam. Da erzählt einer von denen was er vor Jahrzehnten in der Pallavicini-Rinne erlebt hatte. „Er war im Aufstieg als ihm etwas entgegen gekommen ist das er nicht erkannte. Es waren zwei Skifahrer. Der eine kam zu ihm und meinte: „Was? Hier geht ihr zu Fuß hoch? Boah! Ist das nicht steil und anstrengend?“ Und weg war er …“ Der Skifahrer, der war ICH! 40 Jahre später haben wir uns wieder getroffen, was ein Zufall!!!

 

ALBRECHT: Ja, das weiß ich auch noch gut, ich dachte mir damals gleich: „das ist wieder typisch Manfred“.

 

MANFRED: Nunja, das gehört schon mit zum Image.

 

B: Anschließend an die Pallavicini ist nie wieder etwas öffentlich geworden von euren Befahrungen. Habt ihr dann aufgehört oder einfach nichts mehr veröffentlicht?

 

MANFRED: Ja, da kam dann immer mehr die Sinnfrage. Anschließend daran habe ich auch nie wieder darüber gesprochen, auch nicht in meinem Beruf als Managementberater im Outdoor Bereich. Steilwandskifahren geht eher in die Richtung Risiko und das ist im Management überhaupt nicht gefragt. Wilder Hund – großes Risiko, das war da nicht gut. Inzwischen hat uns das auch quasi 30 Jahre lang in Ruhe gelassen, bis das Team von ServusTV kam.

 

ALBRECHT: Da kam dann die Geschichte mit dem vermeintlichen Erstbefahrern hoch. Wir fuhren die Pallavicini Rinne und fragten uns, ob wir das veröffentlichen. Haben uns dagegen entschieden, nur im „Alpinismus“ damit Insider es erfahren und ein klein wenig in Tageszeitungen. Ein paar Tage später stand dann in den Zeitungen, dass ein Kärtner die Erstbefahrung der Pallavicini-Rinne durchgeführt hätte. Zwei Tage nach uns, das Datum stand dabei. Wir haben aber nie etwas unternommen um das richtig zu stellen, es war uns vor allem sehr unangenehm. Dann kam der Film von ServusTV und prompt haben sich Freunde von ihm gemeldet und sich beschwert, uns als „Falsche Erstbefahrer“ bezeichnet. Es war ja auch ganz knapp, nur zwei Tage, jedoch hat uns der Wirt von der Hofmannshütte zugeschaut und bestätigt unsere Befahrung als die Erstbefahrung.

 

MANFRED: Wir haben ihm nie einen Vorwurf gemacht und er hat das damals sicher nicht mit Absicht falsch veröffentlicht. Der Regisseur von dem ServusTV Film hat gar nicht glauben können, dass uns diese Veröffentlichung nicht wichtig war.

 

ALBRECHT: Um das zu verstehen warum wir nichts veröffentlicht haben muss man wissen wie die Einstellung im Alpinismus bei uns damals war. Ich wohnte noch in der Steiermark und war viel Klettern. Wir packten unseren Rucksack nie öffentlich, wir haben uns hinter den Hütten versteckt wenn wir das ganze Kletterzeug ein und ausgepackt haben. Wenn man das vor allen dort, vor den Wanderern, Touristen gemacht hat, dann war man ein Angeber. Wenn man gefragt wurde wohin man geht sagte man: „Auf einen Berg“, außer man kannte denjenigen gut. Man musste sich alles aus der Nase ziehen lassen da man sonst als Angeber gegolten hätte. So habe ich das damals jedenfalls empfunden und diese Einstellung hatten wir dann auch. Wobei das natürlich uns selbst gegenüber auch irgendwie „falsch“ war, da wir es ja schon super fanden das zu können.

 

 

B: Euer Verhältnis? Freunde?

 

MANFRED: Ja, wir kennen uns schon sehr lange und hatten fast unser ganzes Leben lang Kontakt. Der wurde zwar auch mal weniger, aber wir haben schon immer etwas zusammen gemacht.

 

ALBRECHT: Insbesondere während meiner Leichtathletikzeit haben wir nicht so viel gemeinsam unternommen.

 

MANFRED: Oft waren wir zu Winterbegehungen unterwegs und fast jedes Jahr für ein paar Tage in den Westalpen, das schweißt zusammen.

 

ALBRECHT: Da gibt es Erlebnisse die sich einbrennen, die vergisst man nicht mehr.

 

MANFRED: Darüber hinaus pflegen wir unsere Freundschaft auch auf einer sehr persönlichen Ebene, das ist gut.

 

 

B: Und wie war der Kurt?

 

MANFRED: Er war ein sehr kreativer Alpinist, hat viele Erstbegehungen gesucht, wir waren auch zusammen am Hindukusch um einen 7000er zu besteigen. Für so etwas hatte er den richtigen Riecher. Ein sehr guter Bergsteiger aber gar kein so herausragender Skifahrer. Er konnte schon fahren, aber nicht übermäßig gut. Die große Kreativität und das sichere Beurteilen der Gesamtsituation zeichneten ihn aus. Was und wie macht man etwas, die Vorbereitung, das konnte er ausgesprochen gut. Er war der Ideenbringer und hat dann auch gerne darüber gesprochen, er hatte einen recht hohen Geltungstrieb. Also nenne wir es so: Schüchtern war er nicht. Wir haben schon auch verrückte Sachen gemacht. Winterbegehung der Westlichen Zinne: bei -27 Grad Celsius lagen wir in den Hängematten, da sind wir dann umgekehrt. Ich mochte Kurt sehr und vermisse ihn jetzt.

 

ALBRECHT: Ja, so geht’s mir auch.

 

 

 

B: Wo geht die Reise des Steilwandskifahrens hin?

 

MANFRED: Es wird wohl gemacht werden was irgendwie machbar ist. Das ist dem Menschen innewohnend. Die noch extremeren Herausforderungen werden sicher angegangen.

 

ALBRECHT: Genau so sehe ich es auch, wobei ich mich selbst nie an dem orientiert habe, auf keinem Gebiet. Meist dachte ich mir: besser einen Schritt zurück, eine andere Idee finden und ganz was anderes machen.

 

MANFRED: Wenn man mir vor 30 Jahren gesagt hätte, dass jemand alle drei großen Nordwände in den Alpen an einem Tag macht, hätte ich Haus und Hof dagegen verwettet. Aber es ging. Insofern: sag niemals nie!

 

ALBRECHT: Wir selbst waren nicht am Limit, da wäre schon noch mehr gegangen. Für die Zeit war es sicher progressiv, aber extremer ging es damals auch schon.

 

MANFRED: Mein Gefühl war immer, dass meine Vorstellung davon, dass ich nicht stürze, mich auch nicht stürzen lässt. Natürlich ist das eine Illusion aber es hat funktioniert. Wir haben das Stürzen, Saltos, auf einem Ski fahren, zurück auf die Ski ja trainiert. Aber am Berg ausprobieren wollten wir es nie. Gerade das Einskifahren konnte ich gut. Nachdem ich mir ein Bein gebrochen hatte konnte ich nur auf einem Ski fahren und es dadurch natürlich gelernt.

 

ALBRECHT: Am Untersberg haben wir das trainiert, mal mit dem rechten und mal mit dem linken Ski, zuletzt mit einem Ski und ohne Stecken. Da wird’s dann lustig …

 

MANFRED: Da mussten die anderen schon sehr gut fahren können um uns hinterher zu kommen obwohl wir keine Stecken und nur einen Ski hatten. Man bekommt auch die entsprechende Muskulatur. Da war damals viel Übermut dabei, das war nicht ernst, wir hatten Spaß.

 

ALBRECHT: Selbst in der Pallavicini hatten wir Spaß, wir konnten viel über uns selbst lachen.

 

MANFRED: Ohjeh, ja, wenn ich mich daran erinnere wie sehr Du da gestunken hast vor lauter Angst.

 

ALBRECHT: Mir war da eigentlich nicht zum Lachen zumute, aber der Gestank war wirklich fürchterlich. Ich glaubte innerlich zu verwesen, da hat nichts mehr funktioniert.

 

MANFRED: Ich habe Dir gesagt: genau hier machst du einen Schwung. Und zack! Da hast du den Schwung gemacht und es ging. Von da ab hatten wir keine Probleme mehr mit der Abfahrt.

 

ALBRECHT: Genau. Vorher war das Skianziehen heikel. Da hatte ich den Gedanken, dass ich bloß nichts verlieren darf das in den Abgrund fallen könnte …

 

MANFRED: Anschließend haben wir noch oft darüber gesprochen, aber nicht indem wir von unseren Heldentaten geprahlt haben, eher mit einem Schmunzeln.

 

ALBRECHT: Vor allem auch weil es so relativ ist. Drüber gibt’s noch so viel, viel schwerer, viel riskanter, da brauchten wir uns gar nicht überlegen fühlen. Beim Klettern war ich viel mehr am Limit.

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Eine neue Alpindisziplin erwacht

In den Ostalpen war man von den Nachrichten über Saudans Erstbefahrungen, die sich weltweit verbreiteten, tief beeindruckt. Viele sahen, dass sich die eigene Disziplin zu entwickeln begann. Steile Abfahrten hatte man zwar zuvor auch schon gewagt, nun bestand aber noch mehr Anreiz zu zeigen, was man selbst kann. Schließlich lockte mediale Aufmerksamkeit.

Albrecht Thausing, Manfred Oberegger und Kurt Lapuch machten von sich reden. Oberegger und Lapuch befuhren die Sonnspitz Nordwand. Bei einem Filmdreh am Sonnspitz, für einen Fernsehdreh führten die drei die Befahrung erneut durch, brach sich Lapuch ein Bein. Der Hang war so steil, dass er wie von einem Katapult aus der Wand geschleudert wurde und erst weit unten den Sturz zum stehen brachte. Glück im Unglück, es hätte erheblich mehr passieren können.

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Albrecht Thausing und Manfred Oberegger

So waren Albrecht und Manfred nun als Duo aktiv während ihr Mentor im Krankenhaus harrte. Die erste gemeinsame Abfahrt und „Proberunde“ war die Hohe Göll Ostwand. Anschließend sorgten die beiden mit der ersten echten Befahrung der Pallavicini-Rinne am Großglockner für Aufsehen. Journalisten erfuhren davon und die Presse griff die Geschichte gerne auf. Allerdings waren sie nicht die einzigen, die mit der Pallavicini Furore machten. Es gibt einen weiteren „Erst“befahrer. Michael Zojer fuhr nur wenige Tage nach den beiden. Er wusste nichts von seinen Vorgängern. Ihm gelang es seine Abfahrt in der deutschen Zeitschrift „Bunte“ zu platzieren.

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Auch im deutschsprachigen Raum war damit das Steilwandskifahren in der breiten Öffentlichkeit erstmals auch im Mainstream präsent. Erst Jahrzehnte später klärte sich der Irrtum anlässlich eines Films über die Erstbefahrer Oberegger und Thausing auf. Die „echten“ Erstbefahrer hatten zuvor keinen Wert darauf gelegt, sich mit der Tat zu brüsten. Die doppelte Erstbefahrung warf jedoch die Frage auf, wer denn nun tatsächlich die Nase vorn gehab hatte. Es gab einen Zeugen: Ein lokaler Hüttenwirt hatte beide Abfahrten beobachtet und bestätigte, dass Manfred Oberegger und Albrecht Thausing die ersten waren.

Pallavicini Rinne – Großglockner

Schließlich befuhren die beiden noch das Marinelli Couloir bei Macugnaga am 20.07.1969. Es ist die längste Rinne in den Alpen (zumindest wird dies allgemein angenommen, es gibt aber ein paar vergleichbar lange Rinnen). Etwa ein Monat zuvor war Saudan dort hinunter gefahren (am 10.06.), er war jedoch nicht von ganz oben gestartet sondern befuhr „nur“ die Rinne selbst, ohne den Gletscher im oberen Teil.

Manfred und Albrecht von oben aus in die Rinne eingefahren, wurden unten von einer Blaskapelle empfangen, mit Orden geehrt und ordentlich gefeiert. Es ging jedoch auch eine Lawine durch die Rinne ab und verfehlte die beiden nur knapp. Aus dem Grund beendeten die beiden ihr „öffentliches“ Skifahren.

Marinelli Couloir

Mit der Einstellung, den Medien gezielt Informationen über das Steilwandskifahren zukommen zu lassen, konnte ein weiterer Pionier der ersten Stunde, Heini Holzer, Kaminkehrer aus Südtirol, zunächst nicht viel anfangen. Zwar schrieb er gelegentlich für lokale Zeitungen und den Südtiroler Alpenverein über den aktuellen Stand des alpinen Felskletterns, er zählte zu den besten Alpinisten seiner Zeit, hatte jedoch nie vor Profi zu werden, um von seiner Leidenschaft zu leben. Je mehr sich herumsprach, wie stark der kleine Schlotenfeger jedoch war, desto mehr drängten Heini auch größere Magazine gegen Geld seine Abfahrten zu vermarkten. Die Finanzen waren knapp und da sein „Hobby“ recht kostspielig wurde, akzeptierte Holzer schließlich und ließ ein immer größeres Publikum an seinen Abenteuern teil haben.

Heini Holzer
Heini Holzer

Er hielt Vorträge und war regelmäßig in der Presse vertreten. Insbesondere der Chefredakteur des „Alpinismus“ Toni Hiebeler griff die Erstbefahrungen Holzers gerne auf, ließ Heini selbst Artikel veröffentlichen und nahm auch die Leistungen anderer in sein Magazin auf. Es gab einiges zu lesen, der Strom an Meldungen riss nicht ab. Alleine Holzer schaffte 103 Erstbefahrungen – dazu kamen noch die Berichte der anderen Aktiven. Das deutschsprachige Magazin „Alpinismus“ war dem sympathischen Holzer sehr verbunden und druckte viel über ihn. Im Jahr 1976 war dieser zudem in einem Film zu sehen – für die Dokumentation „Abenteuer Ski“ hatte Jürgen Gorter auch den kleinen Kaminkehrer auf Celluloid gebannt. Holzers Steilwandskifahrerkarriere endete mit seinem Tod. Er stürzte bei dem Versuch der Erstbefahrung am 04.07.1977 die Nordwand des Piz Roseg hinab. Er wurde 32 Jahre alt.

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Holzer, Hiebeler

Ähnlich wie Holzer handhabten es auch zahlreiche Franzosen. Im Grunde waren sie keine Selbstdarsteller, sie waren in erster Linie Bergsteiger, oft Bergführer. Die Möglichkeit mit ihrer Skileidenschaft Geld zu verdienen, schlugen sie aber nicht aus. Zu ihnen zählen gerade während der Anfangszeit des Steilwandskifahrens unter anderem Anselme Baud, Patrick Vallençant, Yves Détry, Laurent Giacomini, Jacky Bessat und Serge Cachet Rosset.

Patrick Vallençant

Diese Pioniere waren zwar nicht die ersten Skifahrer, die steile Abfahrten befuhren, sie waren aber die ersten, die sich auf diese Disziplin erfolgreich medial konzentrierten. Mit dem Schwung und der erlangten Aufmerksamkeit, welche sich bis Mitte der 70er Jahre innerhalb von gut 10 Jahren aufgebaut hatten, schafften es immer mehr Steilwandskifahrer sich einen Namen zu machen.

Serge Cachat Rosset

Serge Cachat-Rosset war im Massiv des Mont Blanc bereits Anfang der 1970er auf der Jagd nach Erstbefahrungen. Bereits 1971 befuhr Serge die Nordwand des Tête Blanche und auch das Couloir Contamine geht ebenso auf sein Konto wie die Zweitbefahrung des Spencer Couloirs. Er nahm es dabei nicht so genau mit der Ethik der Alpinisten und flog auch mit Helikoptern hinauf.

Anselme Baud 2011
Anselme Baud 2011

So schaffte er es am 1. August 1973, dass er Anselme Baud und Patrick Vallençant das Couloir Couturier an der Aiguille Verte vor der Nase wegschnappte. Die beiden Freunde hatten nur Stunden vor Rosset abbrechen müssen und fühlten sich um ihre Befahrung betrogen. Sie schafften es vier Tage später, stiegen aus eigener Kraft hinauf und fuhren innerhalb nur einer Stunde hinunter, für alle gut sichtbar absichtlich genau in der Mitte der Rinne. Serge hatte volle 4 Stunden für die Abfahrt benötigt und dabei die Rinne stets in ihrer vollen Breite durchquert, um an den äußersten Rändern, dort wo es am sichersten war, die Kurven zu fahren. Die Zeitung „Dauphiné Liberé“ erklärte die Abfahrt von Baud und Vallençant für ungültig, da die beiden nicht vom Gipfel gestartet waren.

Aiguille Verte – Couloir Cuturier

Die Gipfeleiskappe ist mit Skiern fahrbar, jedoch relativ einfach und die beiden sahen keine Notwendigkeit die letzten Meter auch noch hinauf zu stapfen. Die Antwort der beiden auf das Geschehene kam als Artikel in der Zeitschrift „La Montagne et l’Alpinisme“ (No. 1 – 1974): „Ski Extrêm: Une nouvelle forme d’alpinisme.“ (Extremski: eine neue Form des Alpinismus) Darin erläuterten sie die Ethik des Alpinismus, dass Steilwandskifahren eine neue Form des Alpinismus ist und daher auch die gleichen strengen Regeln gelten müssen. Diese besagen, dass mit eigener Kraft aufgestiegen werden muss und keine anderen Mittel als die des Alpinisten bei der Abfahrt erlaubt sind. Diese Ethik gilt bis heute als.

Unbeeindruckt setzte Serge seine Art des Steilwandskifahrens weiter fort. Im Jahr 1973 befuhr Chachat-Rosset die Nordwand der Aiguille de Goûter. Er war mit der Zuhilfenahme von Helikoptern als reiner Skifahrer oben abgesetzt worden und fuhr auch als solcher ab. Seine Ausrüstung war minimal. Oft nahm er, wie sein Vorbild Sylvain Saudan, noch nicht einmal einen Rucksack mit. Ihm ging es einzig und alleine um die Abfahrt – insbesondere die Erstbefahrung. Für das Couturier Couloir hatte Serge nichts weiter dabei als 40 Meter Seil, zwei Karabiner und zwei Eishaken – verstaut in einem „Wimmerl“, einer etwas größeren Gürteltasche, fast wie ein ganz normaler Skitourist der gerade aus dem Lift steigt.

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Buchrezension – Freeski Tirol, Skialpinismus in der Mieminger Kette

Freeski Tirol – Reini Scherer

Bei meinen Recherchen über das Steilwandskifahren bin ich schnell auf Reini Scherer gestoßen. Nachdem ein regelmäßiger Telefonaustausch zustande gekommen war habe ich ihn auch ein paar Mal besucht. Er sprach auch von seinem Vorhaben ein Buch über die steilen Abfahrten in der Mieminger Kette zu schreiben. Sogar ein erstes Manuskript bekam ich  zu sehen. Eine ganze Weile unterhielten wir uns über die am besten zu verwendende Schwierigkeitsskala. Da jetzt, Ende März Anfang April, die Bedingungen für solche interessanten Abfahrten häufiger passen hier die Rezension.

Bild klicken + Buch kaufen = ich kann mir ca. 1/4 Bier leisten Danke!

Zum Autor

Reini Scherer ist in der Österreicher Kletterszene eine bekannte Größe. Weltmeistertitel en Masse, Nationaltrainer des Kletterteams, Leiter des Tivoli Kletterzentrums, Erstbegehungen bis in den 11. Grad … und das ist nur ein kleiner Ausschnitt. In den letzten Jahren hat er sich etwas vom Sportklettern gelöst und ist stärker in den Alpinismus eingetaucht – insbesondere mit Ski an den Füßen. Ein ausführliches Portrait über Reini gibts später.

_MG_9528Reini in seinem Mancave

Überblick:

407 Seiten, 130 Abfahrten (ohne Varianten), ein Seil gehört immer in den Rucksack. Damit könnte man schon ganz gut beschreiben, um was für ein Kaliber es sich hier handelt. „Leichte“ Touren, die unter 40° steil sind haben in diesem Führer Seltenheitswert. Doch damit nicht genug, Reini schreibt über Sicherheit, über die Geschichte, macht sich Gedanken zum Steilwandskifahren, gibt Materialtipps, hat auch den Naturschutz im Kopf und eine Liste mit den in Tirol dokumentierten Abfahrten gibt es auch noch.

IMG_6547Ausführliche Einleitung

Aufbau:

Gewicht: 559 g
Länge x Breite x Höhe: 18,5 x 12 x 2,2 cm
Seiten: 407
Material: gepresste und verklebte Cellulose mit Lackierung
Steifigkeit: Nudel
Saison: 1. Auflage 2012
Preis: 29,80 €

Das Buch beginnt mit einer Reihe von, aus meiner Sicht, sinnvollen Einführungen. Es wird erst mal erklärt, um was es eigentlich geht, dass es eben kein normaler Skitourenführer ist. Besonderes Augenmerk liegt auch auf der Bewertung und hier hat Reini als einer der wenigen Autoren der Ostalpen auf die langbewährte Volo-Skala zurück gegriffen. Diese Bewertungsskala eignet sich besonders für schwere und sehr schwere Touren – also Touren, bei denen jede andere Skala versagt. Gerade in dem Bereich wird es aber so wichtig zu differenzieren. Jeder Kletterer weiß wovon die Rede ist: Eine 7er Route schafft man noch ganz gut, bei 7+ geht aber nix mehr oder nur an ganz guten Tagen.
Im Anschluss an die Einführungen kommen satte 340 Seiten voll mit Touren. Als Abschluss gibt es dann noch eine von Reini recherchierte Zusammenfassung von dokumentierten Skiabfahrten in Tirol.

IMG_6549Tipps & Tricks

Inhalte:

Wenn die Knie schon beim Lesen schlottern oder man bei der Betrachtung von Bildern einzig die Frage „Wo ist der Typ da runter????“ hat, dann hat man es eindeutig mit einem Buch übers Steilwandskifahren der heftigsten Art zu tun. In Gesprächen sagte mir Reini, dass sein Anspruch der war, jede nur mögliche Abfahrtslinie in den Mieminger Bergen in das Buch aufzunehmen.

Es hat ca. 5 Jahre gedauert alles zu fahren. Ja genau: Fahren – denn jeden Höhenmeter ist er selbst rauf und wieder runter. Durch dieses enorme Engagement ist aber ein äußerst detailreicher Führer entstanden, der mit wertvollem Inhalt geradezu überladen ist. Die trockene, pointierte Stilform hilft die alpinen Leistungen ins rechte Licht zu rücken. Außerdem merkt man daran, dass hier jemand schreibt, der sich auch wirklich auskennt.

Es gibt den lustigen Trend bei Bergbüchern einfach möglichst viele Touren rein zu packen. Egal ob man die selbst als Autor gemacht hat oder nicht. Führt dann zu tollen Erlebnissen, wie ich mal eines hatte und das mit einem Verhauer endete, dessen Schimpfworttirade nicht ins Internet gehört.

So etwas passiert hier nicht. Jedenfalls nicht, so lange man sich an Reinis Worte hält. Die Touren sind durchgängig ausgezeichnet beschrieben. Abseilstellen, Kletterpassagen (sic), Gegenanstiege und was nicht noch alles sind immer gut vermerkt. Selbst Varianten tauchen auf.

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Eine Besonderheit ist auch, dass Reini einige der Abfahrten als Erstabfahrten geschafft hat. Das hat auch zur Folge, dass der gute Mann häufiger mit seiner Wunderwaffe, einer Bosch Uneo, unterwegs war und ist. Diesem Umstand ist es denn auch zu verdanken, dass immer sehr exakt beschrieben ist wo sich die Bohrhakenlaschen verstecken. Jeder, der schon mal nach so einer ******* Abseilstelle gesucht hat wird dies zu schätzen wissen.

Angereichert wird das Buch durch die ein oder andere Annekdote. Das hilft sehr, um die ganze Sache auch für nicht ganz so versierte Aspiranten etwas greifbarer zu halten. Es wird daraus schnell klar: Alles kann, nichts muss – und es bedarf immer sehr viel Aufwand, bis es geht. Die Planung und Vorbereitung ist das A und O.

Viel mehr möchte ich hier jetzt auch gar nicht vorgreifen, denn um was für ein Schwergewicht es sich hier handelt, kann man wohl schon aus den paar Zeilen hier herausinterpretieren.

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Region:

Nun, der Titel sagt es ja schon: Die Mieminger Berge. Das heißt also irgendwo zwischen dem Inntal und dem Wettersteinmassiv. Von München und Innsbruck in kürzester Zeit zu erreichen. Den ein oder anderen Abstecher auf benachbarte Berge gibts obendrauf.
Hier die Liste:
Simmering
Grünberg
Grünstein
Wank
Griesspitze
Hochplattig
Hohe Wand
Hohe Munde
Karkopf
Breitenkopf
Mitterspitze
Igelkopf
Tajakopf
Ehrwalder Sonnenspitze
Wampeter Schrofen
Handschig
Hochwannig
Zugspitze

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Fazit:

Geilomat. Das ist der Stoff, von dem wir hier bei uns noch viel mehr brauchen! In anderen Regionen der Alpen, insbesondere rund um Chamonix, ist ja quasi schon jeder befahrbare Schneefleck mal irgendwo beschrieben worden (und trotzdem gibt es laufend Erstbefahrungen). Aber bei uns, da hat so etwas eindeutig gefehlt. Die Mahner, dass aufgrund solcher Tourenführer viel mehr passiert und die Bergwacht ständig auf Rettungseinsätzen unterwegs sein würden, wurden übrigens widerlegt. Offensichtlich kann jeder Aspirant solcher Lines schon ganz gut abschätzen was er wann und wo meistern kann.

Empfehlung

Kaufbefehl! Selbst wenn die meisten gar nicht in der Lage sind alles in dem Buch zu meistern, bringt einen das Büchlein mächtig zum träumen und sollte daher in keinem Bücherregal fehlen.

Hier holen:
Freeski Tirol: Skibergsteigen in der Mieminger Kette

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Sylvain Saudan – Kontrovers

Wie im letzten Post, dem mit dem Interview mit Saudan, schon kurz angedeutet, ist Sylvain Saudan an manchen Stellen auch kritisch zu sehen. Dass es diesen Post auch wirklich braucht, ist mir insbesondere klar, da ich Feedback bekommen habe, in dem genau das angesprochen wurde. Also los, schreiben wir zur Tat – was lässt sich an Herrn Saudans Karriere kritisieren und wofür muss man ihm neidlos Anerkennung zollen? Heute ohne Fotos – der Post ist besser ohne, da meta und aus Gründen.

Erst einmal die Kritikpunkte:

  • Zum einen ist da natürlich die Tatsache, dass Sylvain offensichtlich und insgesamt wenige Erstbefahrungen auf seinem Konto verbucht. Meiner Zählung nach 12 Stück. Verglichen mit anderen, Pierre Tardivel, Stefano de Benedetti oder Heini Holzer, ist das geradezu lächerlich wenig – von den genannten Herren kommt jeder alleine auf über 100 bestätigte Erstbefahrungen. Woher also der Hype um Saudan?
  • Hinzu kommt, dass keine seiner Erstbefahrungen nach heutigen und vermutlich selbst damaligen Maßstäben übermäßig schwer war. Er gibt selbst zu, dass in Bergsteigerkreisen bereits darüber diskutiert wurde solche Unternehmungen durchzuführen. Andere Beispiele: Die Befahrung der Pallavicini Rinne mit Firngleitern Anfang der 1960er oder die Fuscherkarkopf Nordwand Mitte der 1930er Jahre auf lapperigen Holzski und mit Lederstiefeln waren schon auch irgendwie vergleichbar schwer.
  • Bei seinen Abfahrten hat Sylvain Saudan oft auf Träger für Material inklusive Ski zurückgegriffen. Er warf sich häufig erst am Einstieg der Abfahrt in die Skifahrerkluft, er mutierte vom Bergsteiger zum Skifahrer. Das widerspricht ziemlich dem inzwischen gültigen Ethos, dass Abfahrten nur zählen, wenn sie vorher auch aus eigener Kraft erklommen wurden. Dazu gibt es sogar eine Art „Manifest“ von Anselme Baud und Patrick Vallençant. Jedoch: Die ersten Steilwandfahrer machten sich über irgendwelche Ethosfragen wohl noch keine Gedanken, sie wollten erst einmal nur irgendwo als erste runter – wie sie da hoch gekommen sind war egal. Wie es zu beschriebenem Manifest kam, kommt in einem späteren Post.
  • Aus zwei Quellen wurde mir berichtet, dass insbesondere bei den außereuropäischen Befahrungen eventuell nicht alles mit rechten Dingen zuging. Was genau, ob die Abfahrten überhaupt in voller Länge gelangen, ob auch alles mit Ski befahren wurde, wie viel Hilfe von außen kam, darüber schweigen sich alle jene jedoch hartnäckig aus. Hörten sie den Namen Saudan, schüttelten sie jedoch den Kopf. Was genau da passiert ist, lässt sich für mich nicht mehr nachprüfen – ein Kapitel, über das der Mantel des Schweigens gehüllt wurde.
  • Er machte sein Ding – ohne nach links und rechts zu blicken. Mit anderen seiner Zunft pflegte er keinen oder kaum Austausch. Ein Eigenbrötler also, der halt seine Sache durchzieht und dabei keine bis wenig Rücksicht auf Verluste nahm.

Was Saudan aber geschafft hat:

  • Er war der richtige Mann zur richten Zeit am richtigen Ort – und er wusste es. Durch sein Gespür, wie er Pressevertreter für seine Geschichten begeistern konnte, erreichte er ein enorm großes Publikum. Nur so wurde das Steilwandskifahren überhaupt bekannt. Ideen reifen, die Technik und die Wahrnehmung verändert sich im Laufe der Zeit. Es brauchte genau diesen Typen zu diesem Zeitpunkt, um eine neue Disziplin des Alpinismus wahrlich aus der Taufe zu heben. Kein einziger Steilwandfahrer hat es vorher und danach geschafft eine so große mediale Aufmerksamkeit zu erzeugen. Saudan war „Mainstream“ – seine Filme liefen in den Kinos rauf und runter und wurden vom Hobbyalpinisten bis zum Hausmütterchen gesehen. Weltweit kannte man den Steilwandskifahrer, der vom Eiger abgefahren war.
  • Das Gespür für die richtige Aktion zum richtigen Zeitpunkt ging so weit, dass er auch die medial wirksamen Abfahrten zur entsprechend besten Zeit durchführte. Rückblickend gesehen war der Abstand zwischen seinen Aktionen ideal getimed, um einen konstant hohen Mediendruck für seine Sache aufrecht zu erhalten. Erst jährlich ein paar, für damalige Verhältnisse, heftige Aktionen so platziert, dass er immer wieder im Gedächtnis blieb und dann die Pausen so in die Länge gezogen, dass seine Expeditionen mit genau der richtigen Spannung erwartet wurden. Das kann auch heute noch jeder, der irgendwas mit Marketing zu tun hat, mal näher anschauen, um die darunter liegende Strategie zu würdigen.
  • Mit Sponsoren für sportliche Leistungen auch wirklich Geld zu verdienen, fiel damals noch fast allen sehr schwer. Formel 1 Fahrer und Fußballprofis hatten ein Auskommen – aber als Alpinist doch nicht – das war nur ein ernsthaftes Hobby. Hermann Buhl, der Erstbesteiger des Nanga Parbat, musste nur 10 Jahre vorher noch sehr regelmäßig als Bergführer und Sportfachverkäufer arbeiten, um überhaupt seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Die großen Alpinisten waren auch damals meist vermögende Privatiers, die nicht auf Finanzspritzen angewiesen waren. Sylvain Saudan war erst Lastwagenfahrer und dann Skilehrer! Die finanziellen Polster dürften entsprechend ausgesehen haben.
  • Für eine komplett neue Disziplin so viele Sponsorengelder einzusammeln, dass er sich einen Sportwagen leisten konnte, war sicher nicht leicht. Andererseits galt es damals auch die letzten Grenzen zu erreichen. Insofern hatte Sylvain auch hier den Zeitgeist exakt getroffen. So mancher Freeride-Profi wäre heute froh auch nur annährend so viel zu verdienen wie es Saudan geschafft hat. Durch die Kombination aus Filmen, Berichterstattung, Vorträgen und Sponsoren reichte es aber „gut“.
  • Den Bergsportlern sind Marketing und Sponsoring ja immer irgendwie suspekt, ein wenig wie bei Künstlern, Musikern oder Schauspielern. Sylvain Saudan hat es verstanden, wie er im damaligen Kontext den Zeitgeist trifft und daraus ein Geschäftsmodell kreieren kann, das ihn sein ganzes Leben lang ordentlich ernährt. Wer sich heute dafür entscheidet ein Leben als Profisportler, Künstler o.ä. zu führen, findet in Saudan ein Vorbild wie das gelingen kann. Die Mechanismen haben sich vermutlich gar nicht so sehr geändert – es ist nur alles viel schneller geworden.
  • Ganz so trivial einfach, wie oben angedeutet, waren seine Abfahrten natürlich nicht. Er hatte neben dem Gespür für die richtigen Abfahrten zum richten Zeitpunkt natürlich auch das Können, als Skifahrer und Alpinist, sich auf die Abenteuer auch wirklich einzulassen. In unseren Gesprächen hat er stets betont, dass er immer auf Nummer sicher ging und ihm auch nie etwas ernsthaftes zugestoßen ist. Knapp war es trotzdem öfters – und seine erste Expedition ging ordentlich schief. Bei Expeditionen geht aber heute auch noch immer viel schief. Damals wusste man vieles einfach noch nicht. Er war diesbezüglich einfach ein hervorragender Planer, Stratege, furchtlos und vielleicht doch ein wenig naiv. Genau das, was man da heute auch noch braucht.
  • Bei all der Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit ist er ein sehr sympathischer, offener und netter Mensch geblieben. Allüren einer Diva kann man ihm jedenfalls nicht nachsagen. Natürlich steht er in seinem Universum im Mittelpunkt, aber das darf man ihm auch gar nicht übel nehmen – schließlich hat er dieses Universum auch selbst geschaffen.

Fazit:

Ich habe Sylvain Saudan als netten, sympatischen und vor allem herausragenden Menschen kennen gelernt, von dem man sehr viel lernen kann. Es hat Spaß gemacht ihn am Telefon und live zu interviewen. Dabei war es erst einmal ziemlich schwierig ihn überhaupt zu erreichen, da er viel Zeit in Kaschmir verbracht hat, um sein Unternehmen zu lenken. (Mit über 70 Lenzen machen das sicher nicht besonders viele). Ich weiß nicht mehr, wie oft ich ihm E-Mails geschrieben habe und auf der Mailbox eine Nachricht hinterließ. Oft! Eigentlich hatte ich schon aufgegeben – es ist halt doch nicht jeder erreichbar und gegenüber irgendwelchen Typen, die ein Interview führen wollen, schon gar nicht. Irgendwann klingelte dann aber mein Telefon und ich wusste erst gar nicht wer da anrief. Er war freundlich und zuvorkommend, lud mich zu sich nach Chamonix ein und das Ergebnis war das Interview aus dem letzten Post. Das zeigte mir, dass er sich sicher nicht auf seinem Ruhm ausruht und nach wie vor der quirlige Macher war, den man als Beobachter seiner Karriere kennt. Auch seine Offenheit gegenüber Kritik, die er dann zwar rethorisch gekonnt umschiffte, überraschte mich. Er sieht sich selbst als genau das was er ist – derjenige, der zu einem gewissen Zeitpunkt das Glück hatte vor Ort zu sein, die entsprechenden Fähigkeiten und Kontakte hatte und alles zusammen in einen Topf geworfen hat, um es Karriere zu nennen. Das ist ihm zweifellos gelungen und dafür verdient er definitiv auch den Ruhm des ersten echten Steilwandskifahrers – denn ohne ihn hätte all das viel viel länger gedauert. Für meine Recherchen habe ich mit einer Menge Skialpinisten gesprochen und jeder einzelne, der nach ihm kam, hat ihn als Vorbild benannt.

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Sylvain Saudan – Interview mit einer Legende

Info:
Geboren: 23. September 1936, Westschweiz
Lebt in: Chamonix, Frankreich

Das Interview ist weitgehend ungekürzt – ein Werkstatteinblick. Es soll keine „Heldenverehrung“ darstellen, die Kontroversen rund um Sylvain Saudans Karriere bespreche ich in einem folgenden Beitrag. Dies hier ist ein Interview, die Ansichten und Meinungen sind also die von Sylvain Saudan selbst.


Erstbefahrungen:


Sylvain Saudan ©Knut Pohl
Sylvain Saudan ©Knut Pohl

Zum Interview sind Hartmut Pohl und ich auf einer kleinen Rundreise – während der wir noch weitere Steilwandfahrer besuchen. Die Nacht vor dem Interview haben wir erst biwakiert und sind bei beginnendem Regen doch ins Auto umgezogen. Der Tag selbst wird wunderschön – keine Wolke am Himmel. Es ist warm, ein Sommertag.

Sylvain Saudan empfängt uns in seinem Büro in Les Houches, einem kleinen Ort nahe Chamonix. Das Büro ist direkt neben der Polizeistation und besteht aus einem kleinen L-förmigen Zimmer mit großer Glasfront. Es stehen alte Ski in den Ecken, Bücherregale stecken voller Aktenordner, eine Kommode ist überbordend mit Krimskrams belegt. Papier- und Magazinstapel stehen hier und da an den Wänden. Großformatige Bergfotografien bestimmen die Szene. Es wirkt weder unordentlich noch steril – hier geht offensichtlich jemand seiner Arbeit nach und genießt dabei die Aussicht über den Dorfplatz.

Saudan ist zum Zeitpunkt (2013) des Interviews 74 Jahre alt, braun gebrannt, rüstig und macht einen freundlichen Eindruck. Ich darf mich auf einen Stuhl setzen, Knut schießt Fotos. Sylvain setzt sich mir gegenüber auf die Ecke eines typischen Büroschreibtischs aus den 80ern. Er hat wache, faszinierende Augen. Rund um die Iris sind sie ganz hell, als würde sie in Flammen stehen. Er steckt voller Energie und ist aufmerksam.

Von Beginn an führt er das Gespräch – was mich überrascht da die Skialpinisten, die ich bislang erlebt habe, eher wortkarg sind. Sylvain aber hält einen Vortrag über das Abenteuer Steilwandskifahren. Natürlich mit ihm selbst als Hauptprotagonisten. Er ist sich seiner prominenten Stellung bewusst. Seinem Auftreten wohnt eine natürliche Lockerheit inne, die außerordentlich angenehm und sympathisch wirkt. Ein Gentleman mit Charme.

Eine sympathische Freundlichkeit umgibt ihn wie eine Aura. Es herrscht zwar eine gewisse Distanz, doch durch seine Art wirkt er nie unnahbar. Er erzählt mir vor dem Interview von seinem aktuellen Berufsleben, in dem er Vortrage bei Firmen hält, sowie ein Heliskiunternehmen im Himalaya leitet. Einige Zeit sprechen wir allgemein über das Steilwandskifahren und wie es dazu kam, woher die Idee kam und wie sich diese Vorgänge auf seine Karriere ausgewirkt haben. Immer wieder merkt man, dass Saudan zur Kamera schielt und sich bewusst in Pose wirft. Im Verlauf des Gesprächs wird er immer nahbarer, letztlich sehen wir seine Büchersammlung durch und er zeigt mir stolz Fotos von sich als Steilwandskifahrer.

Es ist offensichtlich, dass er sich in der Rolle als Protagonist dieser Sportart wohl fühlt. Allüren oder gar Arroganz kann man bei ihm dabei nicht entdecken. Allerdings ist vom ersten Moment an klar, dass es hier um ihn geht. Um einen der prägenden Charaktere des Steilwandskifahrens.

Vor dem Interview habe ich das Buch von Paul Dryfus
Extremes auf Skiern über ihn gelesen. Saudan kommt aus ärmlichen Verhältnissen, aufgewachsen im französischsprachigen Wallis. Mit dem Skifahren begann er schon früh, er fuhr Skirennen, trainierte Jugendskimannschaften. Beruflich schlug er sich zunächst als LKW Fahrer durch und machte schließlich die Prüfung zum Skilehrer. Als solcher arbeitete er 12 Monate im Jahr rund um den Globus. Während eines Aufenthalts in Graubünden fuhr er erstmals aus eigenem Antrieb im April 1967 steile Rinnen am Rothorn im Skigebiet von Arosa. Kurz darauf die Nordflanke des Piz Corvatsch in Sankt Moritz. Zurück im Wallis machte er, wie schon öfters zuvor, einen Ausflug mit Freunden nach Chamonix – dabei kam es zur Idee das Spencer Couloir an der Aiguille de Blaitière zu befahren. Hier beginnt das Interview mit seiner Ausführung dazu, woher er die Idee hatte solch eine Route, die zuvor nur Alpinisten vorbehalten war, mit Skiern abzufahren.

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B: Wie war das in den 60ern als Sylvain Saudan das „Unmögliche“ tat? Woher kam die Idee?

S: Es verhielt sich folgendermaßen: Ich habe nie mit jemandem darüber diskutiert, ob eine Abfahrt möglich sei oder nicht. Ich wusste ob eine Abfahrt bereits gemacht worden war oder nicht, und ich musste niemanden befragen was er von dem Vorhaben hielt. Denn sofern dieser jemand es für möglich gehalten hätte, dann hätte es bereits jemand anderes gemacht. Das ist logisch, es gab schon immer ambitionierte Männer. Da ich aber wusste, dass es noch nie gemacht worden war, musste ich niemanden fragen ob es möglich wäre. Die Abfahrt durch das Spencer 1967 war die erste Abfahrt in einem Gelände das zuvor ausschließlich den Alpinisten gehörte. Es gab im Inneren der Bergsteigerkreisen aus Genf durchaus die Diskussionen und das Wissen wie man etwas wie das Spencer abfahren könnte. Lionel Terray, Lachenal, Rébuffat, die ganzen Großen waren sich der Sache bewusst. Innerhalb des Alpinclubs wurden sogar 5.000 Schweizer Franken ausgelobt an denjenigen, der das Couloir mit Ski befährt. Terray und Lachenal sind sogar aufgestiegen und beschlossen bei etwa der Hälfte das Unternehmen abzubrechen. Mein Equipment war besser als ihres, insbesondere die Schuhe, und sie merkten damals, dass es mit ihrem Material in den 50ern nicht möglich war. Sie waren die besten Alpinisten ihrer Zeit und auch sehr gute Skifahrer – Sie dachten darüber nach so etwas zu machen. Aber sie konnten es nie verwirklichen!

Selbst habe ich von diesen Vorhaben Terrays und Lachenals erst im Nachhinein erfahren. In Chamonix gab es damals das „Hotel de Paris“. Das war neben der Post, es ist heute kein Hotel mehr. Dort stiegen die ganzen großen Skifahrer, Abenteurer, Alpinisten der Epoche ab und es gab eine Art Wettbewerb um die Erstbesteigungen. Bonatti, usw. war auch dort. Der Besitzer der Bar des Hotels erzählte mir von dem Vorhaben der beiden einen Tag nachdem ich abgefahren war. Wir fragten auch Jean Juge aus Genf, der die Bergsteiger aus Genf bestens kannte, und er konnte die Geschichte bestätigen.

Ich selbst habe nie darüber gesprochen wenn ich irgendwo hinunter fahren wollte. Außer meinen Freunden die mir geholfen haben die Ski hinaufzutragen, habe ich niemandem etwas erzählt. Nach der Abfahrt dann natürlich schon! Um Sponsoren und die Presse zu informieren.

Vor einer Abfahrt war ich mir sicher, dass ich es schaffen würde. Nie bin ich irgendwo hinunter gefahren wenn ich mir nicht sicher war! Auf Russisches Roulett war ich nicht scharf.

Diese Sicherheit ist sehr schwer zu beschreiben: es gibt etwas das in einem schlummert, ein Wissen darum wer man ist. Man kann das nicht an einer Universität lernen, aber man spürt es. Und zum zweiten ist es schwer die Risiken eines Unterfangens einzuschätzen wenn man sich selbst diesen Risiken aussetzt. Man muss die Schwierigkeiten abschätzen können ohne in der eigenen Haut zu stecken. Um sich selbst einzuschätzen muss man in die Haut eines anderen schlüpfen und sich zugleich sehr gut kennen. Wenn man das schafft kennt man das Resultat seines Vorhabens im Voraus. Es gibt da kein „Klick“ im Kopf, man muss das bewusst herbeiführen.

Meine Abfahrten hatten eine Progression in sich, ich habe mit dem Spencer begonnen und mit einem 8.000er abgeschlossen, inklusive Zwischenstationen bei 6.000ern und 7.000ern. Wie die großen Alpinisten. Messner beispielsweise hat sich auch gesteigert, bis hin zu der Besteigung der 8.000er ohne zusätzlichen Sauerstoff. Als die Normalwege alle abgegrast waren haben sich die Alpinisten schwierigeren Routen zugewandt, haben sich also einer Progression zugewandt.

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B: Gibt es denn heute im Steilwandskifahren noch eine Steigerung?

S: Nein, ich sehe keine mehr. Die ganzen schweren Abfahrten wurden schon durchgeführt, also die ohne Seil jedenfalls. Mit Seil könnte man wohl noch den „Grand Cappuzin“, die Eiger Nordwand, die Nordwand der Grandes Jorasses abfahren. Man könnte sich abseilen, dann wieder ein paar Meter mit Ski fahren, dann wieder abseilen. Also ich übertreibe da jetzt sehr, aber das ist nun mal heute noch übrig. Aber womöglich tue ich dem Fortschritt da auch unrecht, man weiß es ja nicht was noch mit Ski möglich sein wird! Aber in den Alpen wird es wohl keine Steigerung mehr geben.

Das ist wie im Alpinismus, auch da findet die Steigerung im Himalaya statt.

Sylvain Saudan Himalaya

B: Heute gibt es ja auch breitere Ski die sich leichter drehen lassen, mit denen man auch schnell durch große Hänge fahren kann.

S: Ja schon, aber das Gervasutti ist noch niemand so schnell und flüssig abgefahren. Meine Abfahrten hat niemand in diesem modernen Stil wiederholen können, weder das Whymper noch das Spencer. Und ich persönlich möchte mit breiten Ski nicht in einem steilen Hang von 55° stehen. Schmalere Ski sind da viel stabiler und angenehmer. Das habe ich inzwischen ausprobiert. Auch die Skischuhe sind eine Spezialanfertigung, die an den Außenseiten abgeflacht ist damit man die steilen Hänge nicht berührt. Andernfalls wäre mir die Kante abgerutscht.

Sylvain Saudan Mc Kinley Denali

B: Die Ära Saudan hat etwa 15 Jahre gedauert und war mit dem 8000er abgeschlossen?

S: Spencer, Eiger 69`, das hat die Presse interessiert und damals gab es in Frankreich eine Nachrichtensendung in den Kinos und meine Abfahrt lief überall. Sonderlich jung war ich damals auch schon nicht mehr und als man mich fragte, ob ich nun mit dem Steilwandskifahren aufhören würde sagte ich, dass mein Ziel ist, einen 8.000er mit Skiern abzufahren.

Das war für mich ein Markstein, das war Gelände das nur den Alpinisten gehörte und wenn ich das schaffen würde wäre mir alles möglich.

Innerhalb von 15 Jahren habe ich diese Evolution realisiert.

Gasherbrum 1 ski descent - Baltoro glacier

B: Worin lag die Motivation dazu?

S: Nun, das ist schwer zu beantworten. Nach der Befahrung des Eiger lag meine Motivation ganz klar darin eine Progression, eine Evolution, zu schaffen. Zudem wollte ich mein eigenes Limit weiter hinaus schieben. Ich wollte nicht das gleiche wo anders machen, ich wollte immer etwas noch schwierigeres machen. In den Alpen kann man sich abends ausruhen, man isst gut, legt sich zu Ruhe und am nächsten Morgen geht es los. Am Mount McKinley mussten wir erst mal 23 Tage Marsch zum Berg auf uns nehmen. Da schläft man in Zelten etc.. Wenn man dann zu den 8000dern geht sieht es wieder anders aus. Und wenn man dabei auch noch einen Film über die Aktion machen möchte kommt die Logistik hinzu. Wir brauchten damals 340 Träger. Das kostet Geld und man hat einen höheren Erfolgsdruck. Nicht von den Sponsoren, man macht ihn sich selbst. Und wenn man dann auf 8.000 Metern ankommt ist das nicht so wie hier auf einem Berg. Man kommt an und soll dann auf einer anderen Seite hinunter fahren. Da wo es noch keine Spuren gibt! Die Bedingungen sind ganz andere. Das ist nicht mit den Alpen vergleichbar. Deshalb spreche ich von einer Evolution und wenn das jemand nachmacht ziehe ich meinen Hut vor der Leistung. Am McKinley waren damals zwei Alpinisten im Abstieg unterwegs die man nie wieder gefunden hat. So etwas passiert in den Alpen nicht.

Das Abenteuer ist für mich, wenn man sich an einen abgelegenen Ort begibt und dort etwas herausforderndes leistet das noch niemand zuvor geschafft hat.

Wenn es zuvor schon jemand geschafft hat, dann hat man ein Abenteuer für sich selbst geschafft, aber es ist kein Abenteuer mehr im eigentlich Sinne.

Deshalb stehe ich in dem Buch der 50 größten Abenteurer der letzten 200 Jahre. Ich habe etwas gemacht das vorher niemand gewagt hat. Natürlich habe ich diese Unternehmungen in erster Linie für mich selbst gewagt, für andere habe ich mich als Skilehrer oder Bergführer eingesetzt. Das Abenteuer aber war für mich allein, es hat mich persönlich weiter gebracht.

Das ist der Kern von Abenteuer, der Zweite, Dritte oder Vierte haben natürlich für sich selbst auch ein Abenteuer durchstanden, aber ihre Leistung lässt sich höchstens noch in Form von Bestzeiten vergleichen.

Die Ersten, die etwas gewagt haben, die sind die echten Abenteurer, egal wie schnell oder elegant etwas von jemand anderem wiederholt wird. Es zählt der Erste. Aber: Es ist nicht immer gut der Erste zu sein. Hier sind wir in Chamonix, im Herzen der Berge. Für einen Bergführer ist es sein Beruf mit Klienten durch das Spencer Couloir zu steigen. Das kostete damals, als ich es erstbefahren habe, 800 Francs (Anm.: umgerechnet wären das heute 120,- Euro). Dann kommt jemand der diese Tour mit Skiern hinab fährt. Damit steigt natürlich der Wert der Abfahrt aber es reduziert  zugleich massiv den Preis des Aufstiegs. Dann war man zwar der Erste der etwas geschafft hatte, aber alle sagen, dass dies nichts bringt und zugleich eine zuvor gute Einkommensquelle verringert. Diese Argumentation war damals gang und gäbe. Man sagte ich sei ein Verrückter, man versuchte den Wert des Aufstiegs trotz meiner Erstbefahrung aufrecht zu erhalten indem meine Leistung verringert wurde. Deshalb war es nicht immer gut der Erstbefahrer zu sein, man bekam Anschuldigungen das Geschäft kaputt zu machen. Dem Zweiten wird man dies nie vorwerfen.

Ich bin aus dem Aktionsraum der Skifahrer ausgebrochen und habe etwas gemacht das eine neue Bewertung des Alpinismus erforderlich machte.

Die Haltung gegenüber der sportlichen Leistungen musste verändert werden. Von Außen wurde nun das Niveau der Bergprofis, der Bergführer und Skilehrer, neu bewertet, worüber diese Profis natürlich nicht sonderlich erfreut waren. Solange bis sie sich auf die neue Situation eingestellt hatten.

12201-01 Silvain Saudan 1968

B: Welche Antwort auf die Anschuldigungen kam vom damaligen Sylvain Saudan?

S: Ich habe nie eine Antwort gegeben. Das hätte niemandem etwas gebracht und insbesondere hätte es meine Zeit beansprucht, um mich zu rechtfertigen. Es ist in solchen Dingen nicht mein Problem wie andere auf meine Handlungen reagieren. Punkt. Natürlich haben einige behauptet ich hätte einfach Glück gehabt, aber die habe ich durch die konsequente Verbesserung meiner Abfahrten widerlegt.

Man warf mir vor Lebensmüde zu sein, unverantwortlich zu handeln – und ich habe meine Leistungen noch übertroffen!

Sylvain Saudan Filmplakat Salomon

B: Und wie konnte man damit Geld verdienen?

S: Nun, da hatte ich wohl Glück, dass man im Alpinclub von Genf gemerkt hat, dass da etwas passiert, am Limit des Skifahrens, dass da jemand neue Wege geht. So konnte ich mit Sponsoren meinen ersten Film drehen. Über die Aiguille de Bionnassay. Der war zwar noch nicht sonderlich professionell aber immerhin, er wurde recht gut angenommen und oft gezeigt. Und von da an hatte ich gute Sponsoren, bis vor fünf Jahren etwa, also weit über 25 Jahre lang. Mit meinen ehemaligen Sponsoren habe ich immer noch ein gutes Verhältnis, auch weil ich natürlich noch Vorträge halte, über meine Filme, mein Equipment das ich dann zeige und so weiter. Es ist nicht leicht über einen langen Zeitraum im Gespräch zu bleiben, das klappt nur wenn man die besten Leute um sich schart, um das bestmögliche Produkt zu produzieren. In meinem Fall waren das Filme. Es ist eben wichtig für die Sponsoren, dass man viele Menschen über einen längeren Zeitraum erreicht. So war es auch als beispielsweise die Expedition im Himalaya große Probleme hatte. Sie scheiterte, hatte aber damals ganze 300.000 Dollar gekostet. Das war natürlich nicht das Bild das man sich gewünscht hatte. Aber so etwas ist halt auch Teil des Spiels, das muss man akzeptieren. Und es ging ja auch weiter bis es geklappt hat. Um den Film über die nächste Expedition zu drehen brauchte ich 500.000 Dollar und davon haben Sponsoren die Hälfte übernommen. Die andere Hälfte musste ich selbst auftreiben.

Ein großes Risiko, vielleicht größer als die Abfahrt selbst.

Salomon gab mir 250.000 Dollar! Sie sagten, dass der Kerl es jetzt allen beweisen müsse, dass er es unbedingt will. Und sie waren davon überzeugt, dass ich es diesmal schaffe. Das war also eine sehr harmonische Kooperation, sie glaubten an mich und ich konnte somit tun was ich tun musste.

Heute ist es sicher viel schwieriger geworden solch große Aktionen durchführen zu können. Das liegt meiner Ansicht nach sicher zum einen am Internet. Die Welt wird kleiner und jeder kann jederzeit überall auf der Welt sein. Das Geheimnisvolle, das Mythische geht verloren. Zum anderen ist der Wert eines Filmes über solche Abenteuer kleiner geworden, sie sind schnell konsumiert und werden dann vergessen. Damals konnte ich mit meinen Filmen nicht nur ein paar Bilder verkaufen. Ich habe einen Lebensstil verkörpert und auch das ist heute kaum noch möglich. Durch Handys und Satellitentelefonen ist man ständig in Kontakt mit der Zivilisation. Man kann Hilfsaktionen organisieren, kann Auskunft über seinen Standort geben. All das nimmt natürlich sehr viel vom echten Abenteuer fort. Es bleiben daher heute kaum noch echte Abenteuer. Zu meiner Zeit waren wir auf uns gestellt. Tagelang, ohne Nahrung, mit erfrorenen Zehen und Fingern, ohne Möglichkeit mit irgendjemandem Kontakt aufzunehmen. Es gehört aber mit zu einem echten Abenteuer, dass man eben keinen „Rückzugplan“ hat der immer da ist. Keine Notfallhängematte sondern echte Gefahr. Das war damals noch ganz anders. Auch auf den Weltmeeren, da konnte man nicht einfach mal telefonieren und um Hilfe rufen. Die Öffentlichkeit hat sich auch verändert. Würde heute jemand nackt mit einem Gleitschirm vom Everest ins Basecamp fliegen und er hätte nur Sandalen an, dann würde man ihn heute fragen: „warum hast Du denn Sandalen an?“. Diese Frage wäre Journalisten früher gar nicht in den Sinn gekommen. Heutzutage ist man an alles mögliche schon gewohnt.

Früher hatten wir noch Freiraum, wir konnten los ziehen und es gab viele Abenteuer. Diejenigen, die heute noch etwas derartiges leisten wollen haben es sehr viel schwerer als wir damals.

Außer im Himalaya und derart abgelegenen Orten gibt es so gut wie keine Möglichkeiten mehr echte Abenteuer zu erleben. Die großen Abenteuer sind aber schon passiert, das ist vorbei! Außer im technischen Bereich, beispielsweise wenn jemand mit einem Minihelikopter über den Atlantik fliegt, um zu sehen ob das überhaupt möglich ist. Das ist noch ein echtes Abenteuer. Und es bleibt natürlich der Weltraum, aber das ist ja auch sehr technisch behaftet. Überall wo einem niemand sagen kann wie es gemacht wird, da gibt es auch heute noch Abenteuer. Aber der Raum wird immer kleiner. Abenteuer bedeutet dorthin zu gehen wo noch niemand war, wo es keinen Weg gibt, wo noch niemand bewiesen hat, dass es geht. Das war bei meinen Befahrungen immer so, es hatte noch niemand gemacht. Insbesondere auf dem McKinley und im Himalaya.

Die Ski rutschen dort genauso schnell wie hier. Aber die Muskeln, alle Sinneseindrücke und die Gedanken sind viel langsamer. Das weiß man vorher nicht, jemand muss es gemacht und durchlebt haben.

Aber persönliche Abenteuer wird es dagegen immer geben. Jemand, der 50 Jahre lang in seinem Dorf gelebt hat und dann zum ersten mal in ein Flugzeug steigt, der durchlebt auch ein Abenteuer, aber eines das schon sehr viele Menschen vor ihm hatten.

Würde ich heute geboren verliefe mein Leben vermutlich ganz anders. Ich hatte Glück zur richtigen Zeit am Richtigen Ort zu sein, um meinem Talent zu folgen und meine Ziele zu verwirklichen. Ich beneide die Jugend von heute nicht, ich wüsste bei dem modernen Leben nicht was ich machen würde. Vielleicht ergäbe sich etwas, aber ich weiß es nicht.

Sylvain Saudan Hidden-Peak

B: Das heutige Steilwandskifahren ist recht technisch geworden. Abseilen gehört häufig dazu. Was hältst Du davon?

S: Da bin ich total dagegen. Das nimmt viel weg.

Wenn man ein Seil hat, oder einen Fallschirm, dann wird alles viel einfacher. Mit diesen Hilfsmitteln kann es ja jeder.

Man weiß ja, wenn man fällt riskiert man nichts. An Stellen die technisch und psychologisch schwieriger sind lässt man einfach ein Seil hinunter und schon kann jeder solche Stellen befahren. Zumindest jeder der sich abseilen kann. Damit kann man sich jede felsige Wand hinunterseilen, am sogenannten Limit. Schon wenn man einen Rucksack mit Seil darin dabei hat ändert sich das Spiel da man weiß, dass man sich retten könnte. Ich bin meine Abfahrten immer ohne Rucksack und ohne Seil gefahren, nur mit Ski. Und das ist etwas ganz anderes!

Die Gefahr wird viel bewusster, der Druck steigt enorm, viel mehr Abenteuer. Deshalb sage ich, dass eine Abfahrt mit Seil nicht den gleichen Wert hat, nicht die gleiche Qualität.

Sylvain Saudan ©Knut Pohl
Sylvain Saudan ©Knut Pohl

B: Wie ist das dann in Abfahrten die ohne ein Abseilen nicht möglich wären?

S: Wenn es ohne nicht geht, dann geht es nicht als Skiabfahrt. Vielleicht kommt eines Tages einer der es nur mit Ski schafft. Hätte man 48 Stunden vor meiner Abfahrt durch das Couloir Spencer gefragt ob es möglich ist, wäre die Antwort immer gewesen, dass es nicht geht, dass aber vielleicht eines Tages jemand kommt der es schafft. Das gleiche gilt heute.

Sylvain Sausan ©Knut Pohl
Sylvain Sausan ©Knut Pohl

B: Die Abfahrtsmöglichkeiten nur mit Ski sind somit wenige, sie sind limitiert.

S: Alles ist limitiert! Neue Gipfelerstbesteigungen gibt es auch nicht mehr viele! Es gibt ja auch keinen 8.000er mehr den man als Erster besteigen könnte. Im Himalaya gibt es aber noch zahllose Abfahrten die mit Ski erstbefahren werden können. Warum gehen die potentiellen Erstbefahrer nicht öfter in den Himalaya und bringen Beweise ihrer Abfahrten mit? Ich bin mit einem Film von meiner 8.000er Befahrung zurück gekommen!

Wie Alpinisten einen Beweis ihres Aufstiegs mitbringen müssen Skifahrer einen Beweis ihrer Abfahrt zeigen.

Steilwandskifahren ist ja quasi umgekehrter Alpinismus, der Weg hinunter zählt. Ich bin der erste der echte Beweise akzeptiert! Es gibt ja leider viele Beispiele von Lügnern, die sich selbst mit einer Skispur im Hintergrund von einem Berg hinunter fotografieren, da gibt es viele. Das lässt sich aber auch ganz einfach manipulieren.

Sylvain Sausan ©Knut Pohl
Sylvain Sausan ©Knut Pohl

B: Warum gehen Menschen solche Risiken ein?

S: Das ist schwer zu beantworten. Ich denke grundsätzlich, dass jeder Mensch tut wofür er gemacht ist. Das stimmt leider nicht überall, viele Menschen müssen unter Zwang leben und sind eben nicht frei zu tun wofür sie gemacht sind. Aber diejenigen, die das Glück haben frei aufzuwachsen und frühzeitig ihre Bestimmung zu finden, wobei das bei mir nicht wirklich früh war da ich schon über 30 war als ich mit dem extremen Skilauf begann, die können sich so verwirklichen und gehen dafür Risiken ein.

Was ich sagen will ist, dass es Menschen gibt, die sind für das Abenteuer geboren, erkennen es und führen es dann auch durch.

Sie leben diese Einstellung bis an ihr Ende. So fühle ich mich jedenfalls.

Dagegen lehne ich ein Leben ab das „koste es was es wolle“ am Limit sein soll. Das Ziel des Lebens ist meiner Ansicht nach ja eben lange und ausdauernd das Leben seiner Vorstellung zu leben, es nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Das heißt nicht, dass man nicht auch mal alles in die Wagschale werfen darf, aber es muss bedacht und intelligent sein, um das Maximum aus sich zu machen. Heute bin ich der Bankier meiner physischen Möglichkeiten die im Alter leider abnehmen, aber so muss jeder haushalten, sollte nicht immer alles nur auf eine Karte setzen, nicht alle seine Reserven aufbrauchen. Zu jeder Zeit wenn ich an meinem Limit ankam merkte ich, dass es noch eine kleine Reserve gab. Am Limit habe ich dann noch ein kleines Stückchen weiter gesehen und die Reserve weiter nach oben geschoben. Physisch und technisch – beides gehört zusammen.

Alle glauben immer, dass Höchstleistung nur von maximalem Trainingserfolg abhängt, aber das stimmt nicht – man braucht die richtige mentale Einstellung, um die Leistung abrufen zu können. Und das ist nicht nur beim Steilwandskifahren so, das trifft auf alle Lebensbereiche zu.

Sylvain Sausan ©Knut Pohl
Sylvain Sausan ©Knut Pohl

B: Wie hast Du diese mentale Einstellung gefunden?

S: Mit zehn Jahren hütete ich die Kühe und Schafe auf der Alm meines Vaters. In einer löchrigen Hütte musste ich übernachten, mit unserem Hund. Das ging 40 Tage so, ab und an kam mein Vater, um nach dem Rechten zu sehen. Es gab dort ein hohes Plateau auf dem ich und die Tiere waren, zweihundert Meter weiter unten war die Quelle. Der Weg dorthin war steil und durchaus gefährlich. Ich musste jeden Tag hinunter laufen, um das Wasser für das Vieh zu holen. Für einen Zehnjährigen war das harte Arbeit. Also nahm ich die Tiere, die sich am sichersten bewegen konnten, mit hinunter, um sie zu tränken. Anschließend ging ich mit ihnen wieder hinauf. Etwa die Hälfte der Herde kam so zum Wasser, die andere Wasserhälfte musste ich weiterhin hinauftragen, aber es war deutlich weniger Arbeit. Mein Vater hatte jedoch immer gesagt, dass ich dies nicht tun dürfe, um die wertvollen Tiere nicht zu gefährden. Ich habe es ihm aber nicht gesagt und die Fußspuren verwischt. Er hat es natürlich trotzdem gemerkt. Er stellte mich zur Rede: „Sylvain, ich hatte dir verboten die Tiere zur Quelle zu führen.“ Ich entgegnete ihm, dass ich die Geeigneten, die mit der größten Trittsicherheit, ausgewählt hätte. Ab da durfte ich mit diesen weiterhin zur Quelle absteigen. Mein Vater hatte meine besonnene Wahl akzeptiert und vertraute mir.

Damals wuchs der Abenteurer in mir, ich wagte die Dinge die ich machen wollte, nachdem ich darüber nachgedacht hatte.

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Sylvain Saudan – der Erste

Viele dachten Anfangs der 1960er Jahre vermutlich, dass es sich bei besonders steilen Skiabfahrten lediglich um Stunts gehandelt haben kann oder viel Glück seine Finger im Spiel hatte.

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Aus: Alpinismus 1964/11

Dies änderte sich in den 60er Jahren. 1961 fuhren Gerhard Winter und Herbert Zakarias mit sogenannten  Firngleitern durch die berühmte Pallavicini-Rinne am Großglockner. Mit äußerst kurzen Skiern also, nur etwa einen halben Meter lang, bei denen man das Heck mit der Ferse hart in den Schnee drückt, um zu bremsen und Kurven zu fahren. Firngleiter sind keine Ski und daher kann diese Befahrung, trotz ihrer Großartigkeit, nicht als Skibefahrung gelten. Zu Recht ist die Leistung der beiden  öffentlich bekannt.

Pallavicini Rinne – sie liegt in der Bildmitte und führt in die Scharte zwischen Klein- und Großglockner
Aus: Alpinismus 1968/11 – Winter und Berghold
Aus: Alpinismus 1968/11 – Winter und Berghold

Fast in Vergessenheit geraten sind dagegen die Abfahrten von André Giraud und Paul Clément. Schon im Mai 1965 fuhren sie das Davin Couloir im Tal von Guisane. 1700 Höhenmeter und im oberen Teil bis zu 50° steil. Im folgenden Frühjahr waren sie wieder aktiv, das Barre Noir Couloir im Massiv des Écrins war an der Reihe. Doch auch dieses Mal: Wieder kein breites Medienecho.

Couloir Davin
Barre Noir Couloir

Dann kam der Knall: Sylvain Saudan erschien auf der Bildfläche. Er befuhr am 23.10.1967 das Spencer Couloir an der Aiguille de Blaitière bei Chamonix. Die Zeit war reif. Mit seinen Freunden Gilles Bodin und Michel Lasca ging Sylvain die Unternehmung an. Zusammen meisterten sie den Anstieg. Oben hat sich der damals bereits 30jährige über dem gähnenden Abgrund aus dem Sicherungsseil ausgebunden und ist im Angesicht des Absturzes die 47° steile Rinne hinunter gefahren. Skifahren am Limit. Unten im Tal angekommen glaubte Saudan zwar zunächst niemand, als er jedoch mit Journalisten in einem Hubschrauber hinauf flog, waren diese hellauf begeistert. Sogar die Zeitschrift „Paris Match“ berichtete. Immer mehr Zeitungen und Magazine schrieben über den „Skieur de l’impossible“ – den „Skifahrer des Unmöglichen“. Saudan hatte ein gutes Gespür dafür, wie man mit den Medien umgehen muss, um Ziele zu erreichen. Giraud und Clément wollten im Jahr darauf ebenfalls im Mont Blanc Massiv eine prestigeträchtige Abfahrt durchführen, wurden in ihrem Zeitplan jedoch zurück geworfen und mussten mit ansehen, wie Saudan ihnen das Whymper Couloir vor der Nase wegschnappte. Kurz darauf verstirbt Clément bei einem Kletterunfall. Alleine machte Giraud nicht weiter.

Sylvain Saudan
Aus: Alpinismus 1973/11
Aus: Alpinismus 1973/11

Saudan aber hat seine Berufung gefunden. Noch ein paar Abfahrten mehr, inklusive Fotografen, Filmteams, die Aufmerksamkeit wuchs und rasch war ein Geschäftsmodell geboren. Saudan wurde zum ersten bezahlten Steilwandskifahrer. Bis heute hält dieser Ruhm an und der Westschweizer, der inzwischen im Französischen Chamonix lebt und im Himalaya, in Kaschmir, ein Heliski Unternehmen betreibt, hat nicht verlernt sich gelegentlich wieder ins Gespräch zu bringen. Ihn zeichnet in erster Linie aus, dass er IMMER ohne Sicherung fuhr, keinen Rucksack dabei hatte und allen seinen Abfahrten eine gewisse Steigerung inne wohnte. Seine Karriere hatte er präzise geplant – genau wie seine Bergunternehmungen.
Nach der Steilheit und Gefährlichkeit kam die zunehmende Höhe. Erst der Nun Kun mit 7135 Metern. Dann drehte Saudan 1982 einen Film über seine Befahrung vom Hidden Peak (Gasherbrum I), 8053 Meter hoch im Himalaya. Zuvor, 1979, hatte er eine Expedition zum Daulaghiri organisiert, die leider tragisch scheiterte. In einem Schneesturm kamen 3 Teammitglieder ums Leben. Saudan überlebte 4 Tage auf sich gestellt in großer Höhe.

Sylvain Saudan am Hidden Peak (Gasherbrum I) – Archiv Sylvain Saudan
Sylvain Saudan am Hidden Peak (Gasherbrum I) – Archiv Sylvain Saudan
Sylvain Saudan am Nun Kun – Archiv Sylvain Saudan
Sylvain Saudan am Nun Kun – Archiv Sylvain Saudan

Im nächsten Blogpost gibt es ein langes Interview, das gemeinsam mit Hartmut Pohl und dem Meister Sylvain Saudan in Chamonix entstanden ist.

Sylvain Saudan, 2013, Chamonix / Les Houches, ©Knut Pohl (unbearbeitetes Bildmaterial)
Sylvain Saudan, 2013, Chamonix / Les Houches, ©Knut Pohl (unbearbeitetes Bildmaterial)

 

 

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Die weiteren Posts

Wie versprochen habe ich die 60er und 70er in mehrere Posts unterteilt. Bei der Bearbeitung des Materials ist mir aber noch ein anderer Gedanke gekommen, den ich jetzt parallel verfolge. Und zwar lässt sich das Ganz mit den Interviews mixen. Dadurch entsteht mehr Dynamik und ist für alle Leser bestimmt interessanter. Die einzelnen Beiträge sind auch nicht so unerbitterlich lang, sondern noch in maximal 10 Minuten zu lesen. Have fun …

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Buchrezension: Sci Ripido in Val di Sole – Luca Dallavalle

Über Facebook ist mir letztens ein gewisser Luca Dallavalle aufgefallen (Danke für den Tipp Marius). Er hat einen Tourenführer über das Steilwandskifahren im Val di Sole geschrieben. Also dem Sulztal im Trentino. Dass es in Italien nicht nur den besten Cafe, Dolce Vita, den Gardasee, den Papst und Bungabunga Parties gibt, ist vermutlich allgemein bekannt. Immerhin stammen einige der größten Alpinisten aus dem schönen Stiefelland. Man merkt: Ich bin ehrlich großer Italienfan.

Überblick:
Jedenfalls hat dieser Luca (hier ein Bild des Herren), der übrigens auch ein ziemlich krasser MTB-Orienteering Fahrer ist (ich wusste nicht mal, dass es das gibt), einen kleinen aber feinen Tourenführer veröffentlicht. Schon 2014.

Sci Ripido in Val di Sole, Luca Dallavalle
Sci Ripido in Val di Sole, Luca Dallavalle

Sehr cool ist, dass es auch immer eine deutsche Übersetzung gibt – mir hilft das immer sehr. Die Übersetzung ist allerdings schlecht. Google Translate oder so. Aber mit ein wenig nachdenken kann man es schon einigermaßen lesen. Es geht einzig und ausschließlich um steile oder sehr steile Abfahrten.

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Aufbau:
Insgesamt hat das Büchlein so etwa 100 Seiten und es werden 57 Abfahrten + ein paar Varianten vorgeschlagen. Zum Teil gibt es noch GPS Tracks und Videos dazu, die sind dann auf der Hompage des Verlags zu finden. Über eine URL oder einen OR-Code gehts direkt dort hin. Die Videos sind kurz aber durchaus ein Mehrwert. Der Medienbruch zwischen Buch und Web ist aber natürlich spürbar.
Die Aufteilung ist immer gleich, ein Bild mit Abfahrts und Aufstiegslinie, eine recht kurze Textbeschreibung auf Italienisch und auf Deutsch. Ein paar technische Angaben Schwierigkeit, Höhenmeter, Dauer, Exposition, Höhenangaben und subjektive Bewertungen zur alpinistischen Schwierigkeit, Ausgesetztheit, dem Tourengeherandrang/Frequentierung und eine allgemeine Gesamteinschätzung. Bei manchen Touren gibt es noch ein paar zusätzliche Bilder.
Eine kurze Einleitung gibts auch noch. Auf Lawinen, alpinistische Herausforderungen oder eine Erklärung der Angaben verzichtet das Buch völlig.

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Inhalte:
Es geht, wie geschrieben, um steile Skiabfahrten. Die leichteste ist auf der Volo Skala mit 4.1 angegeben. Das ist auf jeden Fall schon mal wesentlich heftiger als man es dem durchschnittlichen Tourengeher zumuten möchte. Die Ansage ist deutlich. Dass auch die Aufstiege nicht ganz ohne sind, versteht sich von selbst. Alpine Erfahrung ist definitiv Voraussetzung.

Hier die Touren im Überblick:
Ortles – Cevedale
1 Corno dei Tre Signori – Parete Nord
2 Punta S. Matteo – Parete Nord
3 Punta Cadini – Parete Sud Ovest
4 Punta Cadini – Parete Nord
5 Punta d’Albiolo – Versante Nord
6 Cima di Rio Strino – Versante Nord
7 Punta Taviela – Canale Est
8 Punta Taviela – Canale Sud
9 Punta Taviela – Diretta Est
10 Vioz – Canale Sud
11 Vioz – Canale Teleferica
Presanella – Tonale
12 Canale del Dito
13 Canale Pericle Sacchi
14 Cima Busazza – Canale Nord Ovest
15 Cima Busazza – Via Pfeiffer Reif
16 Cima Cercen – Canale Nord
17 Cima Vermiglio – Canale Weixlaubamer
18 Cima Presanella – Via della Goulottina
19 Cima Presanella – Via a sx pensile
20 Cima Presanella – Via Faustinelli
21 Cima Presanella – Scivolo Nord
22 Cima Denza – Canale Nord
23 Cima Scarpacò – Parete Nord Est
24 Corno di Val Piana – Parete Sud Est
25 Cima Giner – Versante Nord
Val di Sole – Rabbi
26 Cima Mezzana Orientale – Canale Est
27 Cima Mezzana – Canali Sud Est
28 Piz di Montes – Versante Nord
29 Cima Valletta – Canale Ovest
30 Cima Tremenesca – Canale Nord Ovest
31 Cima Tremenesca – Versante Est
32 Cima Verdignana – Canale Sud Est
33 Cima Le Mandrie – Canale Sud Est
Maddalene
34 Cima Binasia – Canale Est
35 Cima Binasia – Canale Nord
Brenta
36 Monte Peller – Canale Nord-Ovest
37 Canlone Tof Mont
38 Cima Mondifrà Alto
39 Cima Sassara – Canale Nord Ovest
40 Ciam Sassara Via Normale
41 Sasso Alto Canalone Ovest
42 Sasso Alto da Nord Ovest
43 Corno di Flavona – Parete Sud Ovest
44 Cima Vagliana Via Normale
45 Cima Vagliana – Versante Nord
46 Cima Pietra Grande – Canale Est
47 Cima Grostè – Parete Nord Ovest
48 Cima Falkner – Canale Nord
49 Cima Falkner – Canale Sud
50 Campanile di Vallesinella – Canale Nord
51 Camoanile di Vallesinella – Canale Sud Ovest
52 Castello di Vallesinella – Canale Nord Ovest
53 Cima Sella – Versante Nord Ovest
54 Cima Brenta -Scivolo Nord
55 Cima Tosa – Canalone Neri
56 Cima d’Ambiez Canale Nord Ovest Parete Sud Ovest
57 Cima d’Agola Versante Nord

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Fazit:
Schöner Tourenführer für alle, die sich solche Sachen zutrauen. Luca ist damit eine echt anspruchsvolle Auswahl gelungen und man bekommt Lust, direkt hin zu fahren, um sich ein paar Wochen auszutoben.
Die Beschreibungen sind tendentiell kurz, die Deutsche Übersetzung unterirdisch. Die Fotos 0k – sie erfüllen ihren Zweck.
Was bei diesem Buch zählt ist der Inhalt. Der ist richtig gut, vor allem, weil man dem Autor sofort glaubt, dass er jede der Touren selbst durchgeführt hat.
Außerdem ist das so ein schönes Büchlein, weil es mal wieder zeigt, dass die „große, große Angst“ vor vielen vielen Touristen, die aus Gelände gerettet werden müssten, wo sie nicht hingehören, völlig unbegründet ist. In keinem einzigen Fall ist bisher dokumentiert, dass die Veröffentlichung von steilen Abfahrten, egal wo und wie, zu mehr Unfällen oder Rettungseinsätzen führt. Weder in Chamonix, wo jeder Schneefleck beschrieben ist, über das Buch Freeride in Dolomiti
noch nach Reini Scherers Freeski Tirol, nirgends sind gehäufte Fälle von überforderten oder verunglückten Steilwandaspiranten erfolgt.
Falls ich mich da täusche, dann bitte immer her mit den konkreten Beispielen! Dabei möchte ich aber bittesehr keine Einzelfälle sondern statistisch signifikante Zahlen, die das belegen.
Ein Buch wie das von Luca ist äußerst bereichernd für die Steilwandski-Fans. Es ist schön, dass sich insbesondere die Italiener und Franzosen nicht darum scheren, was so mancher TeufelandieWandmaler sicher auch zu Luca gesagt hat.

Daher meine absolute Kaufempfehlung für das Buch Sci ripido in Val di Sole! Ja, der Link ist an das Amazon Partnerprogramm angeschlossen. Das schreiben und recherchieren dieses Blogs benötigt viel Zeit und Arbeit. Es würde mich daher sehr freuen, wenn der eine oder die andere über die diversen Links bei Amazon bestellt. Danke! 🙂

© Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Luca Dallavalle.

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